Nicolaus-August-Otto-Schule
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Deutschunterricht einmal ganz anders

Austauschschüler aus Chile verabschieden sich von IGS – Beide Seiten lernen dazu

Nastätten. Drei Monate lang konnten Andrea Maillard und Lucas Sandoval selbst das kennenlernen, was sie davor aus dem Schulbuch kannten: das Leben in Deutschland. Von der Deutschen Schule Valparaiso im chilenischen Viña del Mar sind die beiden als Austauschschüler an die Nicolaus-August-Otto-Schule nach Nastätten gekommen. In dieser Woche ging ihr Besuch zu Ende. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen sie von ihren Eindrücken und ob sich die Klischees, die sie über Deutschland kennen, als wahr herausgestellt haben. 

„Wir haben immer von den Erfahrungen anderer Schüler gehört“, sagt Andrea. Der Schüleraustausch mit Deutschland sei an ihrer Schule wie eine Tradition für Zehnt- und Elftklässler. Die Schule in Viña del Mar ist eine von fast 150 Deutschen Auslandsschulen. Was früher für deutsche Auswanderer gedacht war, steht heute als Privatschule allen offen, wie Thore Dietrich erklärt. Bereits im angegliederten Kindergarten würden die ersten deutschen Vokabeln gelehrt. Über Dietrich kam der Kontakt zur Schule in Chile zustande. Er hat dort selbst zwei Jahre unterrichtet. Heute ist Thore Dietrich Lehrer an der Nicolaus-August-Otto-Schule, Nastättens Integrierter Gesamtschule (IGS). 

Gewohnt haben Andrea und Lucas bei den IGS-Schülern Nelly Hanßke und Denis Galle. „Sie können ziemlich gut Deutsch“, attestiert Nelly den Gästen aus Chile. Wenn, dann schlichen sich lediglich kleine Fehler in die Sätze ein. Und während ihrer Zeit in Nastätten hätten sich ihre Sprachkenntnisse bereits verbessert. Das kann auch Denis bestätigen. Anfangs habe er langsam gesprochen, jetzt verstehe ihn Lucas auch, wenn er schneller redet. Dem Unterricht an der IGS konnten Andrea und Lucas jedenfalls gut folgen, wie sie selbst bestätigen. 

Doch es gibt durchaus Unterschiede. Lucas sind die Freistunden zwischen den Unterrichtsstunden aufgefallen, die er so nicht kennt. Das, so erklärt Denis, liege an der Kurswahl ab der 11. Klasse. Doch von der Architektur und den Möbeln seien sich die Schulen doch recht ähnlich, meint Andrea. Ein Vorurteil, das die Schülerin über die Deutschen kennt, ist, dass sie eher kühl und nicht warmherzig sind. Aber: „Das ist nicht wahr“, sagt Andrea. Zwar blieben manche auf Distanz, aber gehe sie auf die Menschen hier zu, „wollen sie auch mit mir sprechen“. Nicht erwartet hat Andrea, dass sie in Nastätten auf so viele Schüler mit unterschiedlichen nationalen Wurzeln trifft. „Obwohl sie nicht blond sind und blaue Augen haben, sind sie deutsch“, sagt die Schülerin aus Chile und räumt mit einem weiteren Klischee auf. Begeistert ist sie von der vielen Natur in ihrer Gastregion, dass es Wälder und Wandermöglichkeiten auch vor der Haustür gibt. „Das ist für mich wie ein Geschenk von Gott“, sagt Andrea. Nach dem Austausch kommt sie in die 12. Klasse. Wenn sie mit der Schule fertig ist, würde sie gern in Deutschland BWL studieren. Zum einen sind die Semesterbeiträge in Chile höher, zum anderen sagt Andrea: „Hier in Deutschland hast Du viele Möglichkeiten wegen der EU.“ 

Lucas möchte nach seinem Schulabschluss lieber in Chile bleiben. Dort sei es einfach schöner. „Wo ich wohne, haben wir den Strand“, sagt Lucas. Zugleich wohne seine Familie in der Stadt, wo es Einkaufsmöglichkeiten gibt. „Ich kenne das überhaupt nicht so“, sagt Denis, der im Nastätter Umland wohnt und keine Geschäfte vor der Haustür hat. Doch auch in Deutschland gibt es natürlich Großstädte. Einige davon haben Andrea und Lucas mit ihren Mitschülern aus Chile besucht, die für ihren Auslandsaufenthalt an anderen deutschen Schulen untergekommen sind. 

Doch bevor jeder zu seiner Schule und Gastfamilie weitergereist ist, hat die Schülergruppe sich zwei Wochen lang gemeinsam die Bundesrepublik angesehen: Berlin, Potsdam, Hamburg, Wolfsburg, München und Dachau, wo die Schüler die KZ-Gedenkstätte besuchten. Aber auch mit ihren Gastfamilien waren Andrea und Lucas noch viel auf Reisen. „Seit Andrea da ist, habe ich viel mehr Termine und ist viel mehr los“, erzählt Nelly mit einem Schmunzeln. Bei einem solchen Schüleraustausch lerne man etwas fürs Leben, sagt die Zehntklässlerin. Für sie sei Andrea gerade wie eine große Schwester. 

Natürlich werden Nelly und Denis auch einen Gegenbesuch in Chile machen – und in eine andere Kultur eintauchen. Zum Beispiel wird in dem südamerikanischen Land nicht so auf die Uhr geschaut, wie in Deutschland, weiß Thore Dietrich aus Erfahrung. War an der Deutschen Schule Valparaiso nachmittags eine Lehrerkonferenz für 16 Uhr anberaumt, ging es meistens erst eine halbe Stunde später los. „Das ist aber auch so eine Regel, dass man weiß, es geht später los“, sagt Dietrich. Und bevor der offizielle Startschuss für die Konferenz fällt, gehöre es eben einfach dazu, ein Schwätzchen mit den Kollegen zu halten. „Ich fand das sehr schön“, resümiert der Lehrer. 

 

Quelle: Cordula Sailer, "Deutschunterricht einmal ganz anders", RZ Rhein-Lahn-Kreis (West) Bad Ems vom Samstag, 15. Februar 2020, Seite 13

Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung.

Cordula Sailer Redakteurin